Champagne VAZART-COQUART
Kontinuität & Klarheit
Wer von Épernay aus in Richtung Süden die Côte des Blancs erreicht, betritt mit Chouilly die erste Grand-Cru-Gemeinde dieser legendären Hügelkette. Anders als Avize oder Le Mesnil-sur-Oger stand der Ort lange nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit. Vielleicht, weil sein Grand-Cru-Status erst 1985 offiziell bestätigt wurde. Vielleicht, weil Chouilly leiser ist. Doch genau in dieser leisen Selbstverständlichkeit liegt seine Stärke. Die Hänge öffnen sich weiter, die Parzellen sind weniger streng ausgerichtet, die Böden tragen Kreide – aber auch eine gewisse Großzügigkeit im Ausdruck. 99 Prozent Chardonnay wachsen hier. Und seit 1785 ist Chouilly untrennbar mit dem Namen Vazart verbunden.
Die Familien Vazart und Coquart bewirtschaften ihre Weinberge seit dem 18. Jahrhundert. Eigene Champagner füllt die Familie jedoch erst seit 1950 ab, als Louis und Jacques Vazart begannen, ihre Trauben nicht mehr ausschließlich zu verkaufen, sondern selbst zu vinifizieren. 1954 entsteht das gemeinsame Weingut Vazart-Coquart. Stammsitz ist bis heute das markante rote Backsteinhaus in Chouilly, erbaut 1865 von Louis-Victor Coquart – ein Gebäude, das nicht repräsentieren will, sondern Geschichte atmet.
Seit 1995 führt Jean-Pierre Vazart das Haus in dritter Generation. Ein Jahr später tritt er dem Club Trésors de Champagne bei, einer Vereinigung unabhängiger Winzer, die sich einer klaren Qualitätsphilosophie verschrieben haben. Heute steht er diesem Kreis als Präsident vor. Doch jenseits von Funktionen und Titeln bleibt sein Fokus auf dem Wesentlichen: der präzisen Ausarbeitung des Chardonnay aus Chouilly.
Die elf Hektar familieneigener Weinberge liegen ausschließlich in dieser einen Gemeinde. 96 Prozent sind mit Chardonnay bepflanzt, ergänzt durch einen kleinen Anteil Pinot Noir. Die Reben sind im Durchschnitt 30 bis 40 Jahre alt. Schon früh verzichtete Jean-Pierre auf chemische Spritzmittel, lange bevor es zur offiziellen Bio-Zertifizierung kam. Seit 2020 ist das Gut vollständig zertifiziert – auch wenn dies auf manchen Etiketten noch nicht erscheint, da die Champagner naturgemäß ältere Grundweine enthalten.
Im Keller arbeitet Vazart mit Klarheit und Zurückhaltung. Die Vinifikation erfolgt parzellenweise im Edelstahl, inklusive malolaktischer Gärung. Holz spielt hier keine Rolle. Stattdessen steht die Reinheit des Frucht- und Terroirausdrucks im Vordergrund. Eine zentrale Rolle nimmt die 1982 begonnene Réserve Perpétuelle ein – eine Solera, die über Jahrzehnte gewachsen ist. Aus ihr entsteht die limitierte Cuvée 82/…, ein Champagner, der Zeit nicht als Reifeversprechen, sondern als Kontinuität begreift.
Mit den Jahren hat Jean-Pierre Vazart die Dosage immer weiter reduziert. In den Vinaturel-Abfüllungen verzichtet er nahezu vollständig darauf. Gerade weil Chouilly-Chardonnay von Natur aus etwas runder, tropisch-fruchtiger und manchmal auch leicht buttriger wirkt als die strenger mineralischen Nachbargemeinden, gewinnt der Stil durch diese Zurückhaltung an Spannung. Die Weine erscheinen klarer, geradliniger, präziser – ohne ihre Herkunft zu verleugnen.
Die Non-Vintage-Cuvées zeigen die unmittelbare Handschrift des Hauses. Sie verbinden Frucht und Frische mit einer offenen, harmonischen Struktur. Sie sind zugänglich, aber nie beliebig. Die Jahrgangschampagner hingegen gehen einen Schritt weiter. Sie zeigen mehr Substanz, mehr Druck, mehr mineralische Tiefe. Besonders sichtbar wird das im Terre Cuite „TC“, der in einem Terrakotta-Ei ausgebaut wird. Seine Textur wirkt seidig, fast ruhig – und doch baut er am Gaumen eine eindrucksvolle Spannung auf.
Vazart-Coquart versteht Chouilly nicht als Alternative zu berühmteren Namen der Côte des Blancs, sondern als eigenständige Stimme. Hier spricht Chardonnay mit Wärme, aber auch mit Struktur. Hier wird Kreide nicht inszeniert, sondern präzise herausgearbeitet. Die Cuvées sind keine Statements, sondern Konsequenzen – aus Herkunft, Erfahrung und einer klaren Haltung.